kritische Würdigung Fromms Begrifflichkeit

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Der Maikäfer

D
Zur Zivilisation

Die Bedeutung des Nuckels

 

Kritik an Fromm und seiner Begrifflichkeit

Grundsätzlich teile ich die Definition der Begriffe "Haben" und "Sein", wie Fromm sie verwendet, nicht.

1. Das Haben

Unter "Haben" versteht Fromm den Vorgang des Aneignens, den Erwerb von immer mehr Eigentum. Auf dem Hintergrund dieses Begriffsverständnises kann er die gegenwärtige westliche Gesellschaft auch als "Haben"-Gesellschaft kritisieren. Der Einzelne wolle immer mehr und die Gesellschaft unterstütze dieses Verlangen durch Werbung und ständige Betonung der Notwendigkeit von Konkurrenz. Aus Sicht der Philosophie lebender Systeme (im fogenden PhilS) bezeichnet der Begriff "Haben" jedoch einen stabilen Zustand. Einen Zustand, der unverändert bleibt – und keinen Vorgang, keine Handlung. Das, was Fromm meint, müsste dementsprechend als "immer-mehr-haben-wollen" bezeichnet werden. Wobei hier die subjektive Seite beschrieben wird, die innere Seite, in der nach Fromm im Individuum ein Wollen zu entdecken meint. Aus der Sicht des Beobachters, der die handelnden Menschen als Objekte betrachtet, wäre dies als ein Vorgang des ständigen Sich-Vergrößerns beschreibbar. Der Außenbeobachter kann über die inneren Vörgänge, über ein "Wollen" keine Aussagen machen, er beobachtet lediglich das Ergebnis. Und dieser Ergebnis besteht darin, dass sich das Individuum ständig durch weitere Aneignung von Eigentum vergrößert. Es handelt sich also um einen Wachstumsprozess. Ordnet man das Eigentum eines Menschen ihm als nichtlebenden Körper zu, wie es die PhilS tut, dann handelt es sich also um ein ständiges Wachstum des Individuums durch Vermehrung seiner nichtlebenden Körperteile. Dieser Vorgang wird in Bezug auf die Allgemeinen als soziologisch als "Wachsumsgesellschaft" bezeichnet. Dieses Wachstum setzt voraus, dass diese nichtlebende Materie, die sich die Menschen aneignen, vorhanden ist, also produziert wird. Der Grund für die Produktion von Waren, die sich die Individuen aneignen, besteht darin, das die Produzenten dieser Waren durch deren Verkauf einen Gewinn machen, also die Herstellungskosten unter dem Wert der Waren liegen, zu dem sie verkauft werden. Marx nennt dies den "Mehrwert". Die Produzenten wachsen also ebenfalls durch die Aneignung des Mehrwerts. Die Käufer wachsen durch die Aneigning der Waren, die Produzenten wachsen durch Aneignung von Geld. Da Wachstum ein natürlicher Vorgang ist - diePhilS bezeichnet diese Kraft, die das Wachstum naturgesetzlich hervorruft, als die "Selbstentfaltung" -, werden Vorwürfe, so wie sie Fromm erhebt, nichts an diesem Vorgang ändern. Die ursächliche Kraft für diese ständige Vergrößerung wirkt ständig im Individuum, im lebenden System Mensch, und kann nicht bewusst durch das ICH des Individuums gebremst werden, da das ICH über keine eigenen Kräfte verfügt, wie bereits Sigmund Freud erkannt hat. Das ICH kann allerdings entscheidet, in welche Richtung diese Wachstumskraft wirkt und sollte sie in Anbetracht der kritischen Situation auf dem System Erde auf den Bereich des geistigen Wachstums lenken. Denn dieses materielle Wachstum führt naturgesetzlich auch zur Produktion von ungenutzter Energie und von Begleitstoffen, die nicht benötigt werden (sogenannter "Abfall"). Das System Erde wird dadurch auf Dauer unbewohnbar für den Menschen.

An diesem Punkt treffen sich die Kritik Fromms und die Prognose der PhilS wieder.

2. Das Sein

Unter dem "Sein" versteht Fromm in Abweichung zum allgemeinen Begriffsverständnis eine Entfaltung der im Individuum angelegten Fähigkeiten (siehe obige Zitate). "Sein" sei das Wachstum des Individuums entsprechend seinen angelegten Möglichkeiten. Umgangssprachlich würde man diesen Vorgang als Selbstverwirklichung bezeichnen, die PhilS bezeichnet ihn als Selbstentfaltung.

Die PhilS hingegen würde unter "Sein" die Aufrechterhaltung des Zustands der Homöostase innerhalb des lebenden Körperanteils betrachten, also die "Selbsterhaltung", wie sie das bezeichnet. Dies ist ein Zustand, der dadurch gekennzeichnet ist, dass sich die molekulare und zelluläre Zusammensetzung des menschlichen lebenden Körpers praktisch nicht ändert, weil ständig nicht mehr funktionstüchtige Zellen und deren Zerfallsprodukte ausgeschieden werden und durch gleichartige, von außen aufgenommene Materie und durch Neubildung von Zellen durch Zellteilung ersetzt wird. Äußerlich ändert sich dabei an der beobachtbaren Anatimie des menschlichen Individuums nicht und auch innerlich bleiben die Verhältnisse konstant, einerseits hinsichtlich der Zusammensetzung des Blutes und andererseits hinsichtlich der Zellzahl der verschiedenartigen Zellen der Körperorgane. Die Biologie und die Physiologie bezeichnen dies als Homöostase. Diese Sein im Sinne des So-bleiben- wie –man-ist wird gesichert durch Aufnahme von Nahrung und Brennstoff, beim Menschen also Sauerstoff.

Während also die PhilS im herkömmlichen Sinn diese Selbsterhaltung als Sicherung des Seins und die Selbstentfaltung als Vorgang des Wachstums beschreibt, spielt im Denken von Fromm dieses so verstandene Sein eine untergeordnete Rolle, während Fromm nun das, was die PhilS als Selbstentfaltung beschreibt, in zwei unteschiedliche Weisen der Vergrößerung auseinanderdividiert. Nämlich einmal die Vergrößerungsweise des "Habens", in der das Individuums kauft und kauft, und zwar einerseits zum Konsum zur Selbsterhaltung und zum Genuss und andererseits zur Aneignung von immer mehr – zum großem Teil überflüssigen und unsinnigen – Eigentum.

3. Ergebnis

Im Ergebnis nimmt Fromm also zunächst Wertungen vor, indem er hinsichtlich des Verbrauchs von Waren unsinnige und sinnvolle Waren trennt und dann ersteres als "Haben" geißelt und letzteres als das "Sein" preist. Er hat also in seinem wertenden Ansatz das Ergebnis seiner Untersuchung bereits vorweggenommen. Es handelt sich daher nicht um eine wissenschaftliche Untersuchung, die zunächst wertneutral Tatsachen feststellt und diese dann anschließend bewertet, sondern um eine polemisch gefärbte Gesellschaftkritik. Mit dem Begriff des Seins meint Fromm allerdings das gleiche wie die Philosophie lebender Systeme mit dem Begriff der Selbstentfaltung.

Geradezu zukunftsweisend ist allerdings Fromms Entwurf eines humanistischen Sozialismus. Dieser 1960 formulierte Entwurf beschreibt in Einzelheiten die in seiner Zivilisationstheorie grob entworfenen Vision Zimmermans einer vereinigten Menschheit, in der die Individuen ihre Identifikation mit dem System Staat, in dem sie leben, zugunsten einer Identifizierung mit der auf der Erde lebenden Menschheit aufgegeben haben1.

Rudi Zimmerman

 1 Rudi Zimmerman: Zivilisation als Fortsetzung der Evolution. Die Entwicklung der Erdbevölkerung zum System Menschheit. Berlin. 2008. ISBN 978-3-00-024701-9

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ISBN 3-8311-1902-3

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