Gemeinschaft und Gesellschaft

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Gemeinschaft und Gesellschaft

von Rudi Zimmerman

1. Einleitung - Definitionen

Ferdinand Tönnies (1855-1936), der Begründer der Soziologie, hat die Begriffe "Gemeinschaft" und "Gesellschaft" vom Individuum her definiert ("Gemeinschaft und Gesellschaft" 1887). Aus Sicht der Philosophie lebender Systeme sind beides "lebende Systeme höherer Ordnung", also lebende Systeme, die dem einzelnen Menschen (dem "System Mensch") übergeordnet sind.

Ob es sich bei einem solchen lebenden System höherer Ordnung um eine Gemeinschaft oder eine Gesellschaft handelt, entscheidet nicht die die Struktur dieses übergeordneten Systems, sondern jedes Individuum entscheidet darüber, weil es bei der von Tönnies eingeführten Definition darum geht, welchen Zweck oder welche Aufgabe dieses übergeordnete System für das jeweilige Individuum hat. Das objektiv identische System kann für ein System Mensch eine Gemeinschaft sein, für ein anderes Individuum eine Gesellschaft.

2. Die Gemeinschaft

Ordnet sich der Einzelne den ideologischen Grundsätzen und Zielen eines Lebenden Systems höherer Ordnung unter und empfindet sich als Teil dieses System, so stellt dieses System für ihn eine Gemeinschaft dar. Die Gebote und Verbote, die Regeln und die Ziele dieses übergeordneten Systems, sind für ihn bindend. Er fühlt sich quasi als Diener dieses Systems. Er stellt seine Arbeitskraft in den Dienst dieser Gemeinschaft. Er bereit, sich für die Ziele dieser Gemeinschaft zu kämpfen. Kurz gesagt: er identifiziert sich mit diesem übergeordneten System und nimmt damit an den Erfolgen dieses Systems teil. Ist dieses System ein Staat und gewinnt dieser Staat die Fußballweltmeisterschaft, fühlt er sich selbst als Weltmeister. Die Erfolge des übergeordneten Systems erhöhen sein Selbstwertgefühl. Dieser narzisstische Gewinn ist der tiefere Sinn dieser Identifizierung.

Bei dem übergeordneten System kann es sich auch um eine politische Partei (oder anderes und kleineres Lebendes System höherer Ordnung, wie beispielsweise einen Verein) handeln. Dann sind Wahlerfolge dieser Partei seine Erfolge, die sein Selbstwertgefühl steigern.

3. Die Gesellschaft

Wird das lebende System höherer Ordnung vom Individuum für seine Zwecke und Ziele instrumentalisiert, dann handelt es sich um eine Gesellschaft.

Beispiele dafür sind eine GmbH (Gesellschaft mit beschränkter Haftung) oder eine AG (Aktiengesellschaft). Um Teilhaber an einer derartigen Gesellschaft zu sein, muss das Individuum (der „Investor“) sich nicht mit den Zielen dieser Gesellschaft identifizieren, er muss in keiner Weise aktiv für dieses System tätig sein, er erwirbt lediglich Anteile an dieser Gesellschaft und nimmt dadurch an ihrem Wachstum (Gewinnen) oder ihren Verlusten teil, und kann durch den Verkauf seiner Anteile einen zusätzlichen Gewinn machen. Er instrumentalisiert dieses übergeordnete System im positiven Fall (Wachstum) für seine Zwecke und Ziele, kassiert den Gewinnanteil und kann dieses Geld für seine Selbsterhaltung, sein persönliches Wachstum oder seine persönliche Genussbefriedigung einsetzen. Ist dieses System erfolglos, wechselt er dieses, investiert sein Geld in ein anderes.

Aber auch in diesem Fall kann es sich bei diesem übergeordneten System um einen Staat handeln (siehe unten) oder auch um eine politische Partei. Die Partei hat dann jedoch den Zweck, seine Karriere zu fördern, ihm eine Machtposition zu verschaffen. Letztlich geht es auch hier darum, dass das übergeordnete System, dem er sich anschließt, Erfolge hat, allerdings geht es ihm um die materielle Seite dieser Erfolge, um den zählbaren Erfolg, um das Wachstum der Zahlen auf seinen Konten. Die Machtposition, der Einfluss, den er als Mitglied dieses Systems erlangt, muss sich finanziell positiv für ihn auswirken. Ist dies nicht der Fall, wechselt er das System, tritt beispielsweise aus der Partei aus und wird Mitglied in einer anderen, der erfolgreichen, Partei.

4. Das Beispiel Staat

Selbst der Staat kann die Rolle einer Gemeinschaft oder die Rolle einer Gesellschaft für das Individuum spielen.

Erfüllt der Staat für ein Individuum den Zweck einer Gemeinschaft, dann ist dieses Individuum dem Staat "treu", dient ihm und opfert sich für ihn. Der psychodynamische Vorteil dieser Identifikation liegt allerdings nicht nur darin, an den Erfolgen dieses Systems teilzunehmen und sein individuelles Selbstwertgefühl damit zu steigern, sondern auch darin, die anderen Individuen, die an dieser Gemeinschaft teilhaben, als Gleichgesinnte zu erleben. Alfred Adler entdeckte besonders bei schwachen Individuen, die an einem Minderwertigkeitsgefühl leiden, eine Tendenz, sich einer Gemeinschaft anzuschließen. Die Mitgliedschaft an einer derartigen Gemeinschaft dient der Verdrängung der Minderwertigkeit. In der Gemeinschaft erlebt sich das Individuum bestätigt und stärkt bereits damit sein Selbstwertgefühl, erlebt sich als etwas Besseres und wehrt damit sein Minderwertigkeitsgefühl ab. Adler verallgemeinerte dies allerdings und postulierte einen Gemeinschaftstrieb. Jeder Mensch leide grundsätzlich an einem derartigen Minderwertigkeitsgefühl, weil er nach seiner Geburt tatsächlich als kleines schwachen Wesen Minderwertigkeit und Abhängigkeit vom Erwachsenen erlebte.
Mit der Identifikation mit der Gruppe – in diesem Beispiel mit dem Staat - geht allerdings einher, dass er seine Minderwertigkeit nicht nur abwehrt, sondern auch projiziert, nämlich auf die Mitglieder der konkurrierenden Gemeinschaft, also in diesem Beispiel auf die Bürger eines konkurrierenden Staats – meist ein Nachbarstaat. So werden, wenn es sich um einen Deutschen vor dem 1. Weltkrieg handelt, die Franzosen als minderwertig angesehen. Und dies senkt die Hemmschwelle, diese minderwertigen Nachbarmenschen zu töten.

Der gleiche Staat kann aber (von einem anderen Individuum) auch als Gesellschaft angesehen werden, also als ein übergeordnetes System, das ihm geschäftlich nützlich sein kann. In diesem Fall ist das Erreichen besonders einflussreicher Positionen in diesem Staat wichtig. Die Mitgliedschaft in einer Partei dient dann der Erlangung solcher Positionen oder Ämter, in denen Einfluss und Macht ausgeübt werden kann. Das Staatsamt wird dann dazu genutzt, den persönlichen Reichtum zu vermehren. Es ist die Basis zur Knüpfung von Netzwerken, die für Geschäfte genutzt werden können.

Die jüngere Geschichte Deutschlands ist voll von Beispielen für beiderlei Möglichkeiten.

Das nationalsozialistische Deutschland (1933-1945) war für viele Deutsche eine Gemeinschaft, Hitler propagierte gar die "Volksgemeinschaft" – von der allerdings jüdische Mitbürger ausgeschlossen wurden, so dass sich dieser Gemeinschaftsgedanke auch gegen diese "minderwertigen" Mitbürger richtete, die dann ausgemerzt werden sollten (siehe oben die Ausführungen zu Alfred Adler). Die Identifikation ging sogar über den Staat hinaus, es wurde die arische Rasse als übergeordnete Gemeinschaft propagiert, um die slavische Rasse, die "Ostvölker", ohne schlechtes Gewissen überfallen und unterdrücken zu können. Unter den Nationalsozialisten und denen, die wirtschaftlich mit ihnen kooperierten, gab es jedoch viele Individuen, die ihre Staatsämter zu persönlichen Bereicherungszwecken nutzten oder die mit den Nationalsozialisten Geschäfte machten, indem sie Güter produzierten, die benötigt wurden, beispielsweise Kriegsmaterial. Nach dem verlorenen Krieg zeigte sich dann, für wen der Staat eine Gemeinschaft war und für wer er eine Gesellschaft darstellte. Diejenigen, für die es sich um eine Gemeinschaft handelte, verfielen in Depression und begingen Selbstmord - das Leben erschien ihnen nun wertlos -, diejenigen, für die es sich um eine Gesellschaft handelte, kooperiert nach Kriegsende mit den Alliierten. Sie distanzierten sich vom Nationalsozialismus, gaben sich als Demokraten und stellten ihre Arbeitskraft wie selbstverständlich in den Dienst der neuen Machthaber. Dies zeigt, dass es für denjenigen, der den Staat als Gesellschaft betrachtet, kein Problem ist, den Staat zu wechseln und im neuen Staat möglichst dieselbe einflussreiche Position einzunehmen wie im alten.

Auch nach der Wiedervereinigung der Deutschen 1990 kann das gleiche Phänomen beobachtet werden. Offensichtlich war die Führungsriege hier mehrheitlich mit dem sozialistischen System identifiziert. Nach dem Verlust ihrer Machtpositionen wehrten die Mitglieder dieser Führungsriege – natürlich Männer – ihre Depression, die mit dem erlittenen Verlust an narzisstischer Befriedigung erklärbar und "logisch" gewesen wäre mehrheitlich ab, nur wenige begingen Selbstmord. Die Mehrheit dieser Führungskräfte, allen voran Erich Honecker, wurde körperlich krank. Die Trauer wurde verdrängt, der Hass, die Aggression, die sich vorher auf den "Klassenfeind" gerichtet hatte, richtete sich nun gegen den eigenen Körper. Öffentlich bekannt wurde der Leberkrebs von Erich Honecker. Er war jedoch nicht der einzige Krebskranke. Da gegen einige Führungskräfte strafrechtlich ermittelt wurde und auch Strafgerichtsverfahren stattfanden, können in den Akten der Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin Berlin Einzelheiten darüber nachgelesen werden. Denn die Beschuldigten und Angeklagten, die Vernehmungsunfähigkeit oder Verhandlungsunfähigkeit anführten, wurden dort untersucht und begutachtet.

Die meisten ehemaligen Bürger der DDR entpuppten sich nach der "Wende" allerdings als das, was umgangssprachlich als "Mitläufer" bezeichnet wird. Für diese Individuen stellte der Staat (hier die DDR) und die Staatspartei (SED) ein Mittel dar, sich persönlich zu bereichern, sich einflussreiche Positionen und Ansehen zu verschaffen. Für diese war die DDR eine Gesellschaft, die sie zur persönlichen Bereicherung oder anderer Vorteile (z.B. Reisefreiheit) ausnutzten. Nach der Wende war es für diese Bürger kein Problem, nun den neuen Staat (die BRD) für ihre Zwecke zu benutzen und hier ähnliche Machtpositionen zu bekleiden.

Schließ ist die BRD auch ein gutes Beispiel dafür, dass sie zu einem Einwanderungsland für solche Individuen (Systeme Mensch) geworden ist, die sich von der Mitarbeit in einem Lebenden System höherer Ordnung der Größenordnung Staat persönliche Vorteile erhoffen. Wer sich in seinem Heimatland, das für ihn sogar eine Gemeinschaft sein kann, nicht persönlich entfalten kann, keine wirtschaftlich positive Zukunft sieht, der kann selbstverständlich seinen Wohnort wechseln und in einen Staat emigrieren, der ihm bessere wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Die USA werben sogar damit, dass dort jeder vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen könne. Hier wirbt der Staat quasi damit, als Gesellschaft – und nicht als Gemeinschaft – betrachtet zu werden.

5. Ergebnis

Die Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft ist geeignet, eine Reihe von Phänomenen zu erklären, die in der jüngsten Geschichte der Menschheit zu beobachten sind.

Gerade wirtschaftlich stabile Staaten eigen sich besonders dazu, von Individuen als Gesellschaft betrachtet und genutzt zu werden. Die Auswanderungswellen aus Staaten, in denen Krieg geführt wird oder Hunger herrscht, in denen sich die Individuen also nicht entfalten können, zeigt, dass die Identifikation der dort lebenden Individuen mit diesen Lebenden Systemen höherer Ordnung schwach ist, so dass diese Individuen die Gemeinschaft, in die sie hineingeboren sind, verlassen und in Staaten ziehen, in denen sie sich bessere Selbstentfaltung erhoffen und die sie als Gesellschaft nutzen.

Teilt man die Bürger eines Staats grob danach ein, ob dieses übergeordnete Lebende System für sie eine Gemeinschaft oder eine Gesellschaft darstellt, so sind es die Herrschenden, die Politikfunktionäre und Parteifunktionäre, die vom Staat persönlich profitieren und diesen als Gesellschaft betrachten. Für sie ist der Staat eine Melkkuh, aus der sie möglichst viele Vorteile herausholen. Der Kleine Mann hingegen benötigt den Staat als Objekt für seine Identifizierung mit etwas Großem zur Aufwertung seines geringen Selbstwertgefühls. Diese Identifikation verschafft einen Zufluss an narzisstischer Befriedigung. Diesen Mechanismus berücksichtigt beispielsweise auch die jüngere Psychoanalyse in ihrer forensischen Narzissmustheorie. Für diesen Durchschnittsbürger stellt der Staat eine Gemeinschaft dar, in der er sich aufgehoben fühlt. Das Bewusstsein, in einer Gemeinschaft zu leben, stabilisiert das Selbstwertgefühl.

Global betrachtet stellt der Staat für die international operierenden Großfirmen selbstverständlich eine Gesellschaft dar, die zum eigenen Vorteil genutzt wird. Die Banken sehen in den Staaten ebenfalls Gesellschaften, die sie durch großzügige Kreditvergabe von sich abhängig machen können und damit sichere Einnahmequellen haben.

von Rudi Zimmerman

Berlin, den 14.3.2014

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